Saarbrücker Zeitung vom 06.12.2002
Bei der Premiere des Kindertheater-Stückes der Schaubühne zeigten Schauspieler und Zuschauer Durchhaltevermögen
- Von ANJA KERNIG -
Neunkirchen. Wer wollte nicht schon mal ins Schlaraffenland. Sie wissen schon, wo die gebratenen Würste in der Luft herum fliegen und Wein und Honig sprudeln. In der Version des Neunkircher Amateurtheaters Schaubühne sieht die Sache weniger reizvoll aus.
Dafür aber praktisch. Da hängen nämlich an den Bäumen verschiedenste Konservenbüchsen, die einem auf Knopfdruck geöffnet werden und mit Löffel versehen in die Hand fallen. Das Mittagessen verabreicht man sich - dem Zeitgeist gemäß - in Form von Pillen. Einfälle haben die, da kann man nur staunen. Mit großen Augen verfolgte denn auch das junge Publikum im ausverkauften Bürgerhaus die Premiere von "Der 35. Mai, oder Konrad reitet in die Südsee". Und hielt erstaunlich gut bis zum Schluss durch - stramme 95 Minuten. (Geplant waren laut Programmheft 80 Minuten.)
Frei nach Erich Kästner geht es in dem Musical um Konrad (Yannik Seewald), der donnerstags immer seinen Onkel, den Apotheker Ringelhuth, besucht. Der Onkel stellte sich gestern schnell als Tante heraus und erlebte mit Margret Gampper die optimale Besetzung - eine Art Pippi Langstrumpf in der zweiten Lebenshälfte. Am Donnerstag, dem 35. Mai, ist alles ein wenig anders als sonst.
Schon auf der Straße werden Tante und Neffe vom arbeitslosen Zirkuspferd Negro Caballo (Anja Burg-Panter) angesprochen und später zu einem Trip in die Südsee überredet. Denn Konrad muss einen Aufsatz über die Südsee schreiben, was dem mathematisch zwar hoch begabten, aber ein wenig fantasielosen Jungen einiger Maßen schwer fällt. Und los geht die Reise, die erst über diverse Umwege ans gewünschte Ziel führt.
Neben den pfiffigen wie aufwändigen Kulissen und Requisiten begeistern vor allem die extra von Peter Bode und Oliver Fries komponierten Lieder. Die Texte steuerte Karl-Herbert Schäfer bei, der sich zugleich für Regie und Licht zuständig zeichnete. Quasi als singende Kommentatoren brachten Bettina Mick und Bärbel Waldura die Ohrwürmer zu Gehör und absolvierten dabei tanzend ein regelrechtes Fitnessprogramm. Und das, ohne aus der Puste zu kommen - eine klasse Leistung. Ob im Klassenzimmer, im Blumen-Urwald, in der Roboterstadt Elektropolis, der Verkehrten Welt oder im Schlaraffenland - großen Anteil an der Aufführung hatte die Kinder- und Jugendgruppe der Schaubühne. So trugen die Jungs und Mädel auch zur besten Szene des Stücks bei. Diese zeigt eine Schlacht zweier Heere, die durch Hannibal und Wallenstein (sehr amüsant: Helmut Kiefer und Robertus Koppies) von ihren Hügeln herunter befehligt werden. Schon allein die Kostüme sind herrlich. Während die Soldaten mit ihren Zipfelmützen an Zwerge erinnern, entpuppen sich die beiden Generäle (mit überdimensionalen Napoleonhüten) nach dem Ablegen ihrer Judokamäntel als stilechte Boxer. Während jene das Geschehen auf dem Schlachtfeld als Heidenspaß betrachten und Personalverluste von vornherein in Kauf nehmen, empören sich die Reisenden, allen voran Tante Ringelhuth, über die Sinnlosigkeit des Krieges. Am Schluss der Szene strecken die Soldaten ihre Waffen und die beiden großen Feldherren gehen nach Hause, um ihren Schnupfen auszukurieren. Denn mit dem sei nun wirklich nicht zu spaßen.
Aufgeführt wird das Stück heute (zehn und 15 Uhr) sowie am
Samstag und Sonntag, 7. und 8. Dezember (jeweils um 15.30 Uhr) im Bürgerhaus
Neunkirchen. Der Eintrittspreis beträgt drei Euro. Eine CD mit Liedern dieses
und zwei weiterer Musicals wird zum Kauf angeboten.